Other country, other manners pt.2

Ich stehe wie jeden Morgen an der Bushaltestelle in der Nähe des Dormitory, neben mir eine kräftig gebaute ältere Dame im Kleidchen mit Adidasschuhen und Nordic-Walking-Stöckern. Moment mal dachte ich mir. Es ist kalt. Es ist eisig kalt. Ich schaue irritiert an mir runter und gehe gedanklich nochmal durch, was ich alles an habe. Zwiebelmethode ist bei Temperaturen von minus fünfzehn Grad schon angesagt. Ich stutze einen Augenblicke und kann meinen Blick gar nicht von dieser verrückten alten Dame lassen. Auf ihrem Kopf eine knallrote Filz-Woll-was-weiß-ich-Mütze. Suomi-Style eben. An den Seiten dieser eigenartigen Kopfbedeckung gucken lange geflochtene Zöpfe heraus. Sie ist blond. Ihre Haut ist blass und ihre Gesichtzüge werden von einer schwarzen Charakterbrille abgerundet. An der viel zu dünnen Jacke, die sie über ihrem Kleidchen trägt, welches mit diesen großen bunten Marimekko-Blümchen (finnisch Design) verziert ist, hängen Reflektoren in Form von Herzchen dran. Reflektoren sind in Finnland Gang und Gebe – irgendwie trägt sie jeder hier. Dient wohl dem Schutz, dass man die Leute auch nach dem Einbruch der Dunkelheit noch erkennen kann. Dann muss ich ja sagen, dass ich auf gefährlichem Fuß hier lebe. Ich besitze nämlich weder Reflektoren, noch irgendwelche anderen Sachen, mit denen ich mich bemerkbar machen könnte. Augen auf im Straßenverkehr ist meine Devise. Nichts von dem was sie an hat, passt auch irgendwie annähernd zusammen. In Deutschland würde man vermutlich schräg angeguckt werden, wenn man sich so kleiden würde. In Finnland gehört es zur Normalität. Auch wenn mir bei dem Anblick dieser alten Dame noch kälter wird, muss ich doch ein wenig schmunzeln. Sie erfüllt voll und ganz das finnische Klischee und bestätigt meine gewonnen Eindrücke der letzten Wochen. Typisch Finnisch – andere Länder, andere Sitten eben.

three weeks left.

Ein Schritt aus dem Haus und der Schnee peitscht einem ins Gesicht. Es ist ein unangenehmes Gefühl, wenn diese kalte Masse einem das Gesicht runter läuft. Im wahrsten Sinne des Wortes – Augen zu und durch. In der Luft bauen sich richtige Schneewände auf. Die Sicht reicht gerade mal etwa fünfzig Meter weit. Alles was dahinter ist kann man nur erahnen. Der kräftig gebaute Junge mit Jogginghose und seinem Santa-Lunchpaket wartet neben mir an der Bushaltestelle. Tag für Tag trägt er die selben Sachen. Seine blaue Strickmütze mit den Herzen drauf, ist vermutlich auch schon gefühlte zwanzig Jahre alt. Heute steht er ohne seine Mama an der Haltestelle und wartet. Immer wieder schweift ein unsicherer Blick durch seine viel zu dreckige Brille zu mir rüber. Irgendwie tut er mir leid, denn auch wenn Finnland ein Land mit einem sehr hohen Lebensstandard ist, scheint auch hier in manchen Haushalten das Geld knapp zu sein. Meine fünfte Woche in Finnland ist nun angebrochen und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir mein Zuhause nicht fehlt. Jetzt heißt es noch drei Wochen der Kälte stand halten und sich im Land der Lappen durchschlagen.

I’m on my own and it isn’t so easy to be brave from a safe distance all the time.

Keep him in mind. ❤

ranua.

Die Straßen Finnlands sind an diesem Morgen leer. Alleine auf dem Highway Richtung Süden. Am Himmel ist keine einzige Wolke weit und breit. Ich bereue es schon das ich meine Sonnenbrille im Dormitory vergessen habe. In den einigen Teilen der einsamen Straßen Finnlands spiegelt sich die Sonne in den Eisflächen wieder. Es erschwert die Autofahrt um einiges. Überall das Glitzern des Schnee’s. Die Fahrt durch die weiß bedeckten Landschaften Finnlands läd zum Träumen ein. Der Schnee ist zu schwer und drückt die Äste der Bäume herunter. Es sieht alles aus wie in einem Märchen. Im Radio die Red Hot Chili Peppers mit Carlifornication. Eine wirklich willkommene Ablenkung zu den sonst so komischen Gesängen und Melodien der finnischen „Volksmusik“. Nun sind es noch rund 30 Kilometer bis Ranua, dem berühmtesten Zoo der Republik.

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Chris, you’re always on my mind.

deep in thoughts in ajos.

Das Meer ist verdächtig ruhig. Der Hafen überfüllt von riesigen Eisbrocken. Sie bewegen sich keinen Meter weit. Die Eisdecke zieht sich soweit bis das Auge sie nicht mehr fassen kann. Ich stehe auf diesem riesigen Anlegesteg und genieße die Ruhe. Weg vom Alltag und dem WG-Leben. Die Windräder am Industriehafen Ajos stehen still. Und dennoch weht eine eisige Kälte. Man kommt sich vor wie im Nimmerland. Weit und breit keine Menschenseele. Es ist drei Uhr nachmittags. Ich bin etwa  einhundertdreißig Kilometer von Rovaniemi entfernt. Am Bottnischen Meerbusen. Und warte auf die Ankunft der Sampo – einen Teil der finnischen Seefahrtsgeschichte. Finnland ist das einzige Land, in dem alle Hafen im Winter zufrieren. Da es aufgrund seiner geografischen Lage jedoch auf Import- und Exportwirtschaft angewiesen ist, verrichtet die Sampo seit 1987 seinen Dienst. Arctic Icebreaker wird es auch genannt. Es vergeht eine Stunde.Sechzig Minuten in denen ich die Natur Finnlands betrachte und tief in mich kehre. Meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Die letzten Sonnenstrahlen kann man durch die dichte Wolkendecke nur erahnen, als dieser Riesenkoloss von Schiff in den so scheinbaren stillgelegten Hafen Ajos‘ einfährt. Es ist ein gigantischer Anblick, wie er sich wie ein Fels in der Brandung seinen Weg durch die eineinhalb Meter dicke Eisdecke bahnt. Das Schiff, der Hafen und ich. Es kommt direkt auf mich zu. Ich greife zur Kamera und versuche diesen Moment festzuhalten.

„I was taught by nature

it told me everthing to be humble

gave me the keys to happiness

and showed me that are no locks…“

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Mein Chrisi – bin in Gedanken bei dir.

my little soldier.

Die Sonne geht rot am Horizont Rovaniemi’s auf. Nebelschwaden hängen in der Luft und versperren mir die Sicht. Es ist eisig kalt. Der Weg zur Arbeit kommt mir endlos vor. Heute Morgen höre ich die Vögel nicht zwitschern. Jeder Schritt durch den schneebedeckten Waldweg ist kraftaufwendig. Im Kopf totales Chaos. Heute ist alles trist und grau. Als ob jemand mit einem Radiergummi die Farben ausradiert hätte. Die lautlose Stille macht mich wahnsinnig. Ich schalte völlig ab, nehme nichts um mich rum wahr und versinke zu tief in Gedanken. Die Zeit scheint still zu stehen. Die Zeiger der großen runden Uhr an der Bushaltestelle schreiten nur langsam voran. So stehe ich nun in der Kälte Rovaniemi’s und warte völlig antriebslos und warte und warte. Ungeduld macht sich breit. Mit Tränen in den Augen trete ich heute den Weg zur Arbeit an.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem schweren Weg und komm mir heile aus Afghanistan wieder. Auch wenn es nicht immer leicht sein wird, ich weiß du packst das. Ich bin stolz auf dich und auf das was du erreicht hast.
Denk daran, mögest du immer Rückenwind haben und Sonnenschein im Gesicht. Ich liebe dich. ❤

Japan conquered Finland

Mythos Japan. Der Bevölkerungsteil der Erde, der meistens nicht größer als 1,60 m ist, verbringt die zwei Wochen Urlaub im Jahr, der ihnen zusteht, vermutlich am Polarkreis in Rovaniemi. Jeden Tag strömen Tausende von den meist schwarzhaarigen Leuten zum Artic Circle. Wenn ich nicht wüsste, dass ich zur Zeit im Land der Lappen leben würde, könnte man vermuten, ich wäre mitten in Japan. Schon morgens im Bus auf dem Weg zur Arbeit sitzen sie mit Kamera bewaffnet da, um alles tradtionelle Finnlands in ihre Linse zubekommen. Großes Staunen weit und breit. Ständig hört man diese „Oh“ und „Ah’s“, wie bei einem Feuerwerk am Silvesterabend. Jeden Tag muss ich als Fotomodell fungieren, um die Urlaubsalben der japanischen Touristen zu füllen. Ich sollte meinen eigentlich Job an den Nagel hängen und eine Karriere vor der Linse beginnen. Damit werde ich bestimmt reich. Sie verstehen meistens kein Wort Englisch und versuchen mir mit ihrer nach wörtersalat klingenden Sprache zu erklären, was sie von mir möchten. Selbst über die Stempel, die ich jeden Tag in ihre Reisepässe haue, freuen sich diese kleinen Menschen und veranstalten halb einen Freudentanz. Weiterhin ist anzumerken, dass Japaner meistens immer versuchen ganz genau passend zu bezahlen. Warum auch immer?! Sie wissen es vermutlich selber nicht. Hunderte von Leuten, die Autonamen tragen, versuchen jedes Mal aufs Neue von den von ihnen erworbenen Sachen, die Steuer von mir zurück zu bekommen. Sehe ich aus wie ein Duty-free-Shop?! Ich glaube niemand anderes auf der Welt, hat solche komischen kulturellen Angewohnheiten wie die Japaner. 😉

So starte ich wieder in einen neuen Tag mit meinen neuen Freunden aus Japan.

ounasjoki: snowmobiling.

Sonntag. 66° 30′ 45“ N, 25° 44′ 2“ O – Ounasjoki. Die Motoren laufen und es liegt ein Geruch von Benzin in der Luft. Die Tour kann starten. Sechs Stunden bei 100 h/km über einen der längsten Flüsse Finnlands. Der Schnee so hoch, dass er bis zur Hüfte reicht. Es ist ein Gefühl der Freiheit. Man lässt alle Sorgen von sich fallen, schaltet für sechs Stunden vom Alltag ab und lässt sich von der atemberaubenden Winterlandschaft inspirieren. Ich glaube so fühlt sich das Leben an. An diesem Sonntag liegen die Temperaturen knapp unter dem Nullpunkt und an manchen Stellen drückt das Wasser des Flusses durch den Schnee hoch und man verliert für einen Augenblick die Kontrolle über das Fahrzeug. Es ist schwer zu händeln, aber genau das macht den Adrenalinkick aus. Der Blick in die Ferne und es ist kein Ende in Sicht. Die Crossstrecke der engen Waldwege, wo in den Kurven der hintere Teil des Fahrzeuges ausbricht und man die Strecke entlang driftet. Der Wind drückt. Von den Bäumen rieselt der Schnee herunter und versperrt einem die Sicht. Ich wünschte dieses Gefühl würde nie aufhören. Nach kurzem Stopp im Snow-Hotel und kleinem Lunch in einer finnischen Holzhütte mit Feuer und Tee, ging es weiter mit neunzig Sachen zur Huskeyfarm. Ich fühle mich wie in einem Wintermärchen als ich den von Huskeys gezogenen Schlitten durch die Wälder Finnlands lenkte. Ich wünschte dieser Tag würde nie enden. Nur leider ist diese Sinneswahrnehmung nur von kurzer Dauer und der Alltag holt einen schneller ein, als einem lieb ist.